7. August 2019

News

Nachruf Carlos Cruz-Diez

(1923–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

17. August 1923—27. Juli 2019 

„Eines Künstlers Arbeit ist niemals beendet“:

Carlos Cruz-Diez, venezolanischer Maler und Kinetiker, verstarb im Juli 2019.

 

Zuletzt waren es Selfies, die sein Werk noch einmal allgegenwärtig machten; Selfies allerdings, die diesem Werk nur begrenzt galten; Bilder, die Abreisende auf dem Flughafen von Caracas zeigten. Dessen Abflughallenboden mit seinen Farblinienvibrationen war seit 1974 eines der flächenmäßig größten Werke des nun verstorbenen Carlos Cruz-Diez, eine mit ihren grafischen Mitteln typische Arbeit; nur waren die Selfies nicht mehr wie ehedem heitere Abschiedsbilder, sondern Zeichen der Verbitterung über eine zum bloßen Machterhalt verkommende sich links nennende Politik, die Emigranten nicht länger aushalten konnten und wollten.

 



 

Carlos Cruz-Diez, venezolanischer Maler und Kinetiker, der seit langem in Paris lebte, war ein Künstler, der wie sein Freund und Landsmann Jesús Rafael Soto und der argentinische Julio Le Parc dazu beitrug, der Nachkriegskunst Lateinamerikas weltweites Ansehen als Moderne jenseits folkloristischer Anleihen zu verschaffen. Er begann, als Venezuela bald nach dem 2. Weltkrieg sich aufgrund seines Ölreichtums zum reformorientierten Vorzeigestaat Lateinamerikas auch in Architektur und Kunst entwickelte, also in jener Zeit, in der andernorts die argentinischen Künstler der Gruppe Arte Madí und die brasilianische Avantgarde sich durchaus in politischer Opposition mehr von Europa und seinen konstruktiv-konkreten Tendenzen als vom abstrakten Expressionismus der USA anregen ließen. 1960 kam er nach Paris in den Kreis der legendären Op-Art- und Kinetik-Galeristin Denis René, seither war er mit seinen oft großflächigen und wandfüllenden Arbeiten auf allen wichtigen Präsentationen dieser Kunstrichtungen wie The Responsive Eye in New York oder Licht und Bewegung in Bern (beide 1965) vertreten. Seine Lamellenreliefs zeigten je nach Standort des Betrachters verschiedene Bildebenen und regten so zur Aktivität, zum Sich-Einlassen auf die Objekte an, Formen und Farben für Menschen in Bewegung. Die Formate prädestinierten ihn auch für öffentlich zugängliche Kunst im Raum von Miami über Marseille bis Ingolstadt, die anders als die pathetischen Murales der großen Mexikaner auf ideologische Aufladung verzichteten. Cruz-Diez’ Kunst ist über die Farbe leicht zugänglich und regt spielerisch zur Auseinandersetzung an.

2018 zeigte das Ingolstädter Museum für Konkrete Kunst eine große Retrospektive, der dazugehörende, im Verlag form erschienene Katalog nimmt in der Gestaltung des Buchkörpers Cruz-Diez’ Farbräumlichkeit werkgerecht auf. Nun ist dieser Band ein Denkmal geworden, aber da Cruz-Diez immer an die Rezeption seiner Kunst gedacht hat, sei er abschließend zitiert: „Eines Künstlers Arbeit ist niemals beendet.“

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